Warum ist es eigentlich in Deutschland üblich, sich zu möglichst runden Uhrzeiten zu verabreden? Meistens wählt man sogar volle Stunden, seltener mal halb und wenn man sich wirklich mal um viertel vor oder viertel nach trifft, ist das schon fast eine ungewöhnlich krumme Uhrzeit für einen Deutschen. Dabei eignet sich jede andere Uhrzeit ebenso gut, um sich zu verabreden. Es muss jetzt nicht unbedingt zu gebrochenen Minuten oder sogar Sekunden sein, aber schon, wenn man sich auf volle Minuten beschränkt, hat man in jeder Stunde 60 Zeitpunkte zur Auswahl und somit deutlich mehr Flexibilität als einem die vier Standardzeiten jede Viertelstunde geben.

Mathematiker treffen sich schon lange aus Prinzip zu krummen Uhrzeiten wie 9:27 oder so. Einfach aus Protest gegen das starre Korsett von normalen Treffzeiten, durch das auf Jahre gesehen viel Lebenszeit verschwendet wird, weil es eigentlich besser wäre, sich sieben Minuten früher oder später zu treffen. Es ist die selbe Angst vor krummen Zahlen, die Menschen beim Schlachter immer eine möglichst runde Grammzahl bestellen lässt, wie ich in einem früheren Post erwähnt habe. Geht es den Menschen um das möglichst schnelle aussprechen der Zahl und deshalb bestellen sie nur 200 Gramm statt 213 Gramm? Oder denken sie, sie würden den Menschen hinter dem Tresen überfordern, wenn sie 213 Gramm verlangen? Diese Sorge kann ich ihnen nehmen. Diese Menschen sind Experten im Abwiegen von Fleisch und freuen sich über jede krumme Zahl.

Ich muss gestehen, dass ich den gesellschaftlichen Druck zu runden Zahlen selbst auch spüre. Wenn man krumme Zahlen verwendet, wird man oft schräg angeschaut, als wolle man Menschen damit ärgern und die Welt unnötig kompliziert machen. Es gibt ja den Witz, in dem der Mann zum Becker geht und 99 Brötchen bestellt. Der Bäcker antwortet „99? Nicht lieber gleich 100?“ und der Mann entgegnet darauf „100 Brötchen? Wer soll die denn alle essen?“. In dem Witz wird genau das Problem deutlich. Der Mann will 99 Brötchen, aber der Bäcker wundert sich, weshalb er nicht 100 will, obwohl er offensichtlich keinen Schimmer hat, was der Mann mit den Brötchen vorhat. Hätte er bei 100 Brötchen auch gefragt „Warum nicht 101?“. Ich denke, nicht und genau das ist das Problem. Viele Menschen würden tatsächlich eher 100 Brötchen kaufen, als zu riskieren, bei 99 schräg angeschaut zu werden. Und Ärzte bestellen ihre Patienten lieber zu runden Zeiten, auch wenn die Patienten dann dadurch unnötig lange im Wartezimmer sitzen müssen.

Zumindest unter Freunden sollte es möglich sein, sich auch mal um 16:37 zu verabreden. Ihr werdet sehen, dass das Leben dadurch nicht komplizierter, sondern eher unkomplizierter wird. Der Bus kommt zum Beispiel in der Regel um 16:25 an. Dann reserviert man zum Beispiel fünf Minuten als Puffer für Verspätungen, sechs Minuten für den Fussweg und eine Minute, falls der Fussweg mal wegen einer roten Ampel etwas länger dauert als sonst. Das ist besser, als sich um 16:30 zu verabreden und dann hektisch zu rennen oder sich erst um 16:45 Uhr zu verabreden und dann die Zeit totschlagen zu müssen.

Die erste Vorstellung eines James-Bond-Filmes findet immer Mittwoch Nacht um 0:07 Uhr statt. Diesen Mut zu krummen Uhrzeiten sollten wir uns abschauen. Züge fahren doch auch zu krummen Zeiten. Wieso sollen Menschen sich also immer zu runden Zeiten treffen?

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