Heute möchte ich mal über ein Thema sprechen, das mich schon lange aufregt. Es geht mal wieder um die Dyskalkulie vieler Journalisten. Wenn sie über Fernsehereignisse berichten, die sie für besonders wichtig halten, behaupten sie regelmäßig Zuschauerzahlen, die vollkommen aus der Luft gegriffen sind. Nächste Woche heiratet zum Beispiel Prinz Harry seine Meghan und die Medien überbieten sich jetzt schon in den Prognosen, wie viele Menschen dieses Ereignis an den Fernsehern verfolgen werden. Die niedrigste Schätzung, die ich bis jetzt gelesen habe, sind zwei Milliarden Menschen, die höchste dreieinhalb Milliarden. Frei nach dem Motto „Wer bietet mehr?“.

Dabei bedenken sie aber einige Dinge nicht:

1. Wie viele Menschen interessiert diese Hochzeit überhaupt?
2. Wie viele von denen haben Zugang zu einem Fernseher oder Internet-Stream?
3. Wie viele von denen haben dann auch noch die Zeit einzuschalten?
4. Wie viele von denen müssten dazu mitten in der Nacht aufstehen?

Diese Punkte müsste man für jedes Land einzeln untersuchen. In einigen Ländern ist das Interesse größer, in anderen kleiner. In einigen gibt es mehr Fernseher, in anderen weniger. In einigen Ländern läuft die Hochzeit zu einer angenehmen Zeit, in anderen mitten in der Nacht. Die genauen Zahlen zu ermitteln, dürfte schwierig bis unmöglich sein, aber ich bezweifle, dass sich irgendein Journalist zumindest mal diese Gedanken gemacht und für jedes Land dann die Zahlen grob geschätzt hat.

Auch ich habe mir diese Mühe nicht gemacht, aber es hilft schon sehr, einmal ein Land zu betrachten, in dem viele der erwähnten Faktoren sehr günstig stehen: Deutschland. Hier interessieren sich vergleichsweise viele Menschen für Harry und Meghan, hier hat wirklich jeder einen Zugang zu Fernseher oder Online-Stream, hier läuft die Hochzeit tagsüber und am Samstag haben die meisten Menschen auch Zeit, die Hochzeit zu schauen.

Wenn man all das zusammennimmt, kann man davon ausgehen, dass der Anteil der Menschen, die die Hochzeit schauen, in Deutschland deutlich über dem weltweiten Schnitt liegt. Oder anders ausgedrückt: Der weltweite Schnitt sollte deutlich unter dem deutschen liegen. Die Schätzungen von zwei bis dreieinhalb Milliarden Zuschauern kann man nun ins Verhältnis zur Bevölkerungszahl der ganzen Erde setzen. Das sind im Moment gut 7,6 Milliarden Menschen. Zwei Milliarden Zuschauer würden also bedeuten, dass etwa 26,3 Prozent der Weltbevölkerung die Hochzeit schaut. Und das war ja nur die untere Schätzung. Dreieinhalb Milliarden Menschen wären schon 46 Prozent der Weltbevölkerung.

Wenn man das auf Deutschland runter rechnet, wo ja – wie oben begründet – eher mehr als weniger Zuschauer zu erwarten sind, kommt man bei einer Bevölkerung von 81 Millionen auf 21,3 bis 37,2 Millionen Zuschauer. Die Quotenermittlung am nächsten Morgen wird zeigen, dass die realen Zahlen weitaus niedriger sein werden.

Wenn ich eine realistischere Prognose für die weltweiten Zuschauerzahlen abgeben sollte, würde ich etwa 300 Millionen schätzen, höchstens 500 Millionen. In Deutschland wäre ich erstaunt über alles, was über fünf Millionen hinaus geht. Nur mal ein Vergleich: Etwa 350 Millionen Menschen weltweit schauen sich jedes Jahr mindestens ein Rennen der Formel 1 an und die ist wirklich weltweit beliebt.

Diese Hochzeit ist aber nur eines von viele Ereignissen mit überschätzten Einschaltquoten. Andere Kandidaten sind zum Beispiel die Oscarverleihung und die Eröffnungs- und Abschlussfeiern der Olympischen Spiele. Da liest man oft von Zuschauerzahlen von einer bis anderthalb Milliarden. Mal ehrlich: Diese stundenlangen Sendungen sind doch wirklich etwas für die ganz Harten. Auch wenn ich sowohl die Oscarverleihung als auch Olympia schaue, mache ich nicht denn Fehler, zu denken, dass mehr als eine Milliarde Menschen auch nichts Besseres mit ihrer Zeit anzufangen haben.

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