Oft werden wir Dinge gefragt, die wir nicht beantworten wollen. Zum Beispiel, weil sie zu persönlich sind oder uns die Antwort peinlich wäre. Dann stellt sich die Frage, welche Antwort man geben soll, ohne dem Fragesteller einen Hinweis darauf zu geben, wie die Wahrheit aussehen könnte. Viele Menschen machen den Fehler, bei einer ihnen peinlichen Wahrheit etwas zu sagen wie „Das geht Dich nichts an“, wogegen sie dem Frager die Wahrheit gerne mitteilen, falls sie nicht peinlich ist. Angenommen man wird gefragt „Hast Du schon mal im Laden etwas gestohlen?“. Ist die Wahrheit „ja“, weichen sie aus, ist sie „nein“, sagen sie genau das. Genau so eine Vorgehensweise ist gefährlich, denn das Gegenüber könnte das System schnell durchschauen. Wenn man eine Frage gestellt bekommt, sollte man sich nicht nur Gedanken darüber machen, ob man die Wahrheit ruhig zugeben kann, sondern auch, ob man das genaue Gegenteil der Wahrheit ebenfalls zugeben würde. Angenommen, jemand fragt Sie „Hast Du schon mal betrunken ein Taxi vollgekotzt?“. Dann sollten Sie überlegen, ob es ihnen peinlich wäre, falls sie das tatsächlich schon mal getan hätten. In so einem Fall sollten sie eine Antwort geben, die invariant bezüglich der Wahrheit ist. Anders ausgedrückt: Sie müssen die selbe Antwort geben, egal, wie die Wahrheit aussieht. Wenn Sie in beiden Fällen tatsächlich das selbe antworten, hat der Fragesteller keine Möglichkeit, aus der Antwort auf die Frage zu schließen, denn die Frage-Antwort-Funktion ist in diesem Fall nicht invertierbar. Man kann also einer Antwort nicht eindeutig die Wahrheit zuordnen.

Genau das ist auch einer der Gründe, weshalb Anwälte ihren Mandanten raten, sich zum laufenden Verfahren außerhalb des Gerichtssaals überhaupt nicht zu äußern.

Nun stellt sich die Frage, welche Antwort sich für alle möglichen Wahrheiten eignet. Das ist schon nicht mehr so einfach zu sagen. Die beste Lösung wäre, einfach zu sagen, dass man sich dazu nicht äußert. Ich erkläre dem Fragesteller dann oft auch, dass ich nichts bestätige, wenn ich nicht auch das Gegenteil davon bestätigen würde, falls es wahr wäre. Eine andere Methode ist, einfach immer mit „nein“ zu antworten – oder was auch immer die Antwort wäre, die mir am angenehmsten wäre, falls sie stimmen würde. Dann besteht aber die Gefahr, dass man gezwungen ist zu lügen und diese Lüge später ans Licht kommt und die eigene Glaubwürdigkeit untergräbt. Eine Gegenfrage kommt auch noch in Betracht. Bei der Taxifrage zum Beispiel „Du etwa?“.

Prominente machen das oft falsch, wenn sie von Journalisten gefragt werden, ob sie mit einem Menschen XY eine Beziehung haben. Ist die Wahrheit „nein“, sagen sie auch „nein“. Ist sie „ja“, wollen sie die Frage nicht beantworten. Wenn sie aber bei solchen Fragen immer unabhängig von der Wahrheit antworten, werden die Journalisten irgendwann merken, dass sie sich das Fragen auch sparen können.

Diese Prinzip sollte man sich auch immer vor Augen führen, wenn an irgendeiner Stelle Daten über uns gespeichert werden. Statt zu denken „Ich habe ja nicht gemacht, also habe ich auch nichts zu verbergen“, sollte man sich fragen, ob man auch dann nichts zu verbergen hätte, wenn die Wahrheit ganz anders aussähe. Das werden die meisten Menschen verneinen. Deshalb sollten sie sehr gut auf ihre Daten aufpassen. Auch Daten sollten möglichst unabhängig von der tatsächlichen Wahrheit sein.

invariantantworten