Bald ist wieder Bundestagswahl und wir haben wieder jeweils eine Erststimme und eine Zweistimme. Mit der Erststimme wählen wir unseren lokalen Direktkandidaten und mit der Zweitstimme bestimmen wir die prozentuale Zusammensatzung des Bundestages. Bis einschleißlich bei der Bundestagswahl 2009 war es allerdings so, dass man auch mit der Erststimme die Mehrheitsverhältnisse des Bundestages beeinflussen konnte. Eigentlich sollten die Hälfte der Mandate des Bundestags direkt vergeben werden. Hatte eine Partei jedoch als doppelt so viel Wahlkreise gewonnen wie es ihrem Anteil der Zweitstimmen entsprach, ging diese Rechnung nicht mehr auf und sie bekam zusätzliche Sitze, die den Wählerwillen, den er durch seine Zweitstimme ausgedrückt hatte, verfälschten. Unter Umständen konnte somit eine Koalition regieren, ohne die Mehrheit der Zweitstimmen bekommen zu haben. Schon jene so genannten Überhangmandate sorgten dafür, dass der Bundestag so gut wie sicher jedes mal größer war als die Mindestgröße von 598 Abgeordneten, die sich aus den 299 Wahlkreisen ergab. Überhangmandate gingen meistens auf das Konto von CDU und CSU, die 2013 zum Beispiel gut 78 Prozent aller Wahlkreise gewannen.

Wie schon erwähnt, verfälschen Überhangmandate die Zusammensetzung des Bundestages, die sich eigentlich aus den Zweitstimmen der Wähler ergeben sollte. Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes müssen daher Überhangmandate seit der letzten Bundestagswahl 2013 ausgeglichen werden. Das führte 2013 zu insgesamt 33 Überhang- und Ausgleichsmandaten und blähte den Bundestag auf schon 631 Abgeordnete auf, von denen heute noch 630 übrig sind. Diese noch recht moderate Aufblähung kam daher, dass 2013 15,7% aller Zweitstimmen an Parteien gingen, die an der 5%-Hürde scheiterten. Die anderen Parteien bekamen folglich für ihre 84,3% der Zweitstimmen 100% der durch die Zweitstimmen verteilten Sitze. Überhangmandate wurden folglich erst fällig, wenn eine Partei etwa 2,37 mal so viele Direktmandate erlangte, wie ihr Sitze insgesamt durch die Zweitstimmen zustanden. Dementsprechend weniger Überhangmandate mussten auch durch Ausgleichsmandate ausgeglichen werden.

Dieses Jahr wird das anders sein. Die FDP und die AfD, die 2013 noch an der 5%-Hürde gescheitert waren, werden beide sicher in den Bundestag einziehen. Insgesamt werden wohl weniger als 5% aller Stimmen auf Parteien entfallen, die an der 5%-Hürde scheitern werden. Deshalb wird es schon sehr viel früher zu Überhangs- und auch zu Ausgleichsmandaten kommen. So etwa ab dem 2,1-fachen der Direktmandate einer Partei. Nach der diesjährigen Wahl wird der Bundestag voraussichtlich etwa 100 Abgeordnete zusätzlich durch Überhangs- und Ausgleichsmandate bekommen. Statt 598 werden also etwa 698 Abgeordnete im Bundestag sitzen.

Wer diese Entwicklung aufhalten will und eher einen schlankeren (und somit für den Steuerzahler preiswerteren) Bundestag bevorzugt, sollte also genau überlegen, ob er und wie er seine Erststimme einsetzt. Die Zeiten, in denen man mit seiner Erststimme einer Partei zu einem größeren Anteil der Bundestagssitze verhelfen konnte, sind seit der Einführung der Ausgleichsmandate vorbei. Ich persönlich habe bereits per Briefwahl gewählt und auf die Abgabe meiner Erststimme vollkommen verzichtet. Damit mache ich Überhangmandate zwar nicht unwahrscheinlicher (den es zählt ja das Verhältnis der abgegebenen Stimmen), aber ich setze zumindest ein Zeichen. Würde ein erheblicher Teil der Wähler nur von seiner Zweitstimme Gebrauch machen und die Erststimme nicht abgeben, wäre das ein deutliches Signal gegen die Aufblähung des Bundestages, mit der anscheinend fast alle Parteien einverstanden sind, weil sie davon finanziell profitieren.

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