Seit einiger Zeit bietet ein großes deutsches Nachrichtenmagazin auf seinem Onlineauftritt „Igel Online“ (Name geändert) nicht mehr alle Artikel gratis an. Wer alles lesen will, muss „Igel Plus“ (Name geändert) buchen. Bei „Igel Plus“-Artikeln sind nur die ersten paar Sätze des Artikels klar zu lesen. Der Rest des Artikels wird erstens unscharf dargestellt und erscheint zweitens als ein auf dem ersten Blick völliges Durcheinander von Buchstaben. Man könnte auf die Idee kommen, bei Igel Online hätte man sich eine durchdachte Verschlüsselung ausgedacht, die es unmöglich macht, ohne Bezahlung so einen Artikel zu lesen. Das erste Problem ist schnell gelöst. Der unscharfe Text ist nur eine Formatierung, die verschwindet, wenn man den Text einfach mit Copy und Paste in einen simplen Texteditor kopiert. Und auch die Verschlüsselung ist nicht wirklich eine Hürde. Ein Satz wie „Fjo Qbbs Mbvgtdivif lptufu jn Tdiojuu efs{fju 91 Fvsp/“ in einem Artikel über den perfekten Laufschuh ist auf den ersten Blick schwer zu entziffern. Es wäre hilfreich, zumindest ein Wort sowohl in verschlüsselter als auch in unverschlüsselter Form vorliegen zu haben. Dann könnte man versuchen, ein System zu erkennen. Zum Glück gibt es Artikel, die uns genau jene Möglichkeit bieten: Die Interviews. In einem Interview steht praktischerweise vor jeder Frage der Name des Magazins und das auch noch auffällig in Großbuchstaben. In unserem Fall also „IGEL“ (Name wie gesagt geändert). Nun schauen wir uns an, wie das in einem Interview auf Igel Plus aussieht. Da steht – interessanterweise auch in Großbuchstaben – häufig das Wort „JHFM“ am Anfang eines Absatzes. Das spricht sehr dafür, dass es sich dabei um die verschlüsselte Form von „IGEL“ handelt. Wenn man sich diese beiden Wörter (oder besser Buchstabenfolgen) anschaut, muss man kein Profikryptograf sein, um zu merken, was hier geschehen ist: Jeder Buchstabe wurde jeweils nur durch seinen direkten Nachfolger im Alphabet ersetzt. Aus dem A wurde ein B, aus dem B ein C und so weiter. Die Groß- und Kleinschreibung bleibt erhalten. Wenn man schon so weit ist, kann man schon einen Großteil des Textes lesen und sieht aus dem Zusammenhang auch, was aus dem Z wurde: Das Zeichen „[“ (bzw.“{“ aus dem kleinen Z). Bei den Ziffern ist es ähnlich. Aus der 0 wurde eine 1, aus der 1 eine 2 und so weiter. Aus der 9 wurde schließlich ein Doppelpunkt und aus dem einfachen Punkt wurde ein „/“. Nach dem Prinzip kann man diese Verschlüsselung natürlich leicht rückgängig machen. Obiger Satz „Fjo Qbbs Mbvgtdivif lptufu jn Tdiojuu efs{fju 91 Fvsp/“ bedeutet also „Ein Paar Laufschuhe kostet im Schnitt derzeit 80 Euro.“

Damit hat Igel Online tatsächlich wohl die schlechteste Verschlüsselung gefunden, die man sich überhaupt vorstellen kann. Wer Tabellenkalkulationen etwas beherrscht, wird schnell ein paar Formeln eingetippt haben, die es ermöglichen, einen so verschlüsselten Text in eine Zelle zu kopieren und dann sofort den unverschlüsselten Text in der Nachbarzelle lesen zu können. Mit etwas Übung dürfte es sogar möglich sein, diese Aufgabe direkt im Kopf zu lösen. Spätestens nach etwa 50 verschlüsselten Texten auf Igel Plus wird man die Textes auch in verschlüsselter Form einigermaßen schnell begreifen können. Mich wundert tatsächlich, dass noch niemand ein Browser-Plugin dafür geschrieben hat.

An dieser Stelle will ich ausdrücklich nicht dazu aufrufen, sich illegal Zugriff auf Texte zu beschaffen, für die man eigentlich bezahlen sollte. Auch Journalisten müssen irgendwie bezahlt werden und in Zeiten von Adblockern ist durch Werbung immer weniger Geld zu verdienen. Es ist aber doch erstaunlich, wie niedrig die Hürde für Menschen gelegt wurde, die sich das Geld doch lieber sparen.

bim