Für diejenigen, die sich nicht so mit den Regeln der Fußball-Bundesligen auskennen (alle Anderen können diesen Absatz überspringen), muss ich erst einmal ein paar Dinge erklären. Zum einen ist da die „Tordifferenz“. Das ist einfach die Differenz der Anzahl der Tore, die eine Mannschaft seit Saisonbeginn erzielt hat, und der Anzahl der Tore, die sie erhalten hat. Wenn die Mannschaft also zum Beispiel 60 Tore erzielt, aber nur 40 erhalten hat, hat sie eine Tordifferenz von 20. Wäre es genau umgekehrt, wäre die Tordifferenz -20. Dann muss ich noch erklären, wie die Bundesligatabelle zustande kommt. Dazu ordnet man einfach die Mannschaften absteigend nach der Anzahl der Punkte. Für jeden Sieg bekommt eine Mannschaft drei Punkte, für jedes Unentschieden nur einen Punkt. Sind zwei oder mehrere Mannschaften punktgleich, entscheidet die Tordifferenz über ihre Rangfolge. Ist die ebenfalls gleich, teilen sich Mannschaften einen Platz.

Anhand des Punktesystems kann man gut erkennen, was eine Mannschaft erreichen muss, um am Saisonende möglichst weit oben in der Tabelle zu stehen: Sie braucht möglichst viele Punkte, muss also möglichst viele Spiele gewinnen, denn das bringt jedes mal drei Punkte. Auf die Tordifferenz kommt es nur bei Punktegleichstand an. Ein einziger Punkt ist also mehr Wert als eine beliebig hohe Tordifferenz. Jeder Sieg mit nur einem Tor Unterschied ist schon gleich drei Punkte wert, also genau so viele Punkte wie ein Sieg mit zehn Toren Unterschied. Wenn man also theoretisch gegen die schwächste Mannschaft der Liga 20:0 gewinnt, aber dafür fünf andere Spiele mit 0:1 verliert, hat man aus den sechs Spielen zwar eine Tordifferenz von 15, aber leider nur drei Punkte geholt. Ein anderes Team hat dagegen fünf Spiele mit 1:0 gewonnen und eines mit 0:7 verloren. Es hat also eine negative Tordifferenz von -2, aber insgesamt 15 Punkte aus den sechs Spielen geholt. Tore bringen also nur etwas, wenn darauf möglichst viele Siege resultieren. Dabei haben sich die Erfinder jenes Systems etwas gedacht: Jedes Spiel soll wichtig sein und eine Mannschaft soll sich nicht durch viele Tore einen so hohen Vorsprung erarbeiten, dass die Spannung schon lange vor Saisonende vorbei ist.

Genau nach jenem System funktionieren die Präsidentenwahlen in den USA. Die Bundesstaaten entsprechen dort den Spielen in der Bundesliga. Dort sind die Bundesstaaten allerdings nicht alle gleich stark gewichtet. Je größer die Bevölkerung eines Staates ist, desto mehr Wahlmänner darf er zur endgültigen Wahl des Präsidenten schicken, die dann praktisch nur noch eine Formalie ist. Allerdings ist die Anzahl der Wahlmänner nicht proportional zur Einwohnerzahl eines Bundesstaates. Unabhängig von seiner Größe erhält jeder Bundesstaat drei weitere Wahlmänner. Genau diese Komponente kann man mit dem Prinzip im Fußball vergleichen, wo es in jedem Spiel um drei Punkte geht. Genau wie im Fußball jedes Spiel einen Mindesteinfluss auf die Tabelle haben soll, soll auch jeder Bundesstaat einen Mindesteinfluss auf die Wahl des Präsidenten haben. Ohne diese Regel könnten die fünf oder sechs bevölkerungsreichsten Staaten der USA alle anderen Staaten überstimmen. Derjenige Kandidat mit den meisten Stimmen in einem Bundesstaat bekommt dann sämtliche Wahlmänner des Staates. Das ist ebenfalls wie beim Fußball, wo die Mannschaft mit den meisten Toren alle drei Punkte des Spiels gutgeschrieben bekommt.

So ist es ganz verständlich, dass manchmal jemand Präsident wird, obwohl weniger Menschen ihn gewählt haben als seinen Gegenkandidaten. Das ist weder ungerecht noch undemokratisch, sondern einfach dem Umstand geschuldet, dass die einzelnen Bundesstaaten ein gewisses Gewicht bei einer wichtigen Entscheidung wie der Präsidentenwahl bekommen sollen. Er soll in möglichst vielen Staaten eine Mehrheit haben und nicht nur in ein paar sehr bevölkerungsreichen. Würde man bei der Präsidentenwahl tatsächlich nach der Popular Vote gehen, würde das im Fußball einer Tabelle entsprechen, bei der die Mannschaften nur durch die Tordifferenz geordnet werden. Eine Mannschaft könnte dann theoretisch mit fünf Siegen (ganz theoretisch sogar nur mit einem einzigen Sieg) Deutscher Meister werden. Wäre das wirklich das bessere System?

Ein ähnliches System haben wir in Deutschland übrigens auch im Bundesrat. Dort haben auch bevölkerungsarme Bundesländer mehr Sitze, als sie bekommen würden, wenn die Sitzverteilung streng proportional nach Bevölkerungszahl vorgenommen würde. Auch dort hat jedes Bundesland mindestens drei Sitze, auch wenn es noch so klein ist. Das führt dazu, dass Nordrhein-Westfalen mit gut 17,8 Millionen Einwohnern nur doppelt so viele Sitze im Bundesrat hat wie Bremen mit nicht einmal 700.000 Einwohnern. Ein Bremer Wähler hat mit seiner Stimme gut 13 mal so viel Einfluss auf den Bundesrat wie ein Wähler in Nordrhein-Westfalen. Auch hier soll sichergestellt werden, dass ein bevölkerungsarmes Bundesland wie Bremen einen Mindesteinfluss auf die Entscheidungen des Bundesrates hat. Ohne diese Regel, könnten Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg alle Beschlüsse des Bundesrates unter sich ausmachen, da in jenen drei Bundesländern zusammen mehr als die Hälfte aller Deutschen wohnt.

Im Europaparlament ist es ähnlich. Dort haben 14 Wähler aus Deutschland weniger Stimmgewicht als einer aus Luxemburg. Auch dort soll verhindert werden, dass die einwohnerstarken Staaten die Beschlüsse unter sich ausmachen.

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