Erstmal klingt die Idee ja ganz gut: Wir holzen einen Wald ab, verbrennen das Holz zur Energiegewinnung und pflanzen dann einfach neue Bäume, die dann irgendwann wieder zu einem Wald werden, der dann all das Kohlendioxid wieder aufgenommen hat, das bei der Verbrennung des Holzes ausgetreten ist. Das nennen wir dann „klimaneutral“, weil ja unterm Strich am Ende nicht mehr Kohlendioxid in der Luft ist als vorher.

Allerdings wird bei dieser Rechnung ein entscheidender Denkfehler gemacht: Der Wald, der vielleicht nach zwanzig oder dreißig Jahren wieder entstanden ist, steht in keinerlei Zusammenhang mit dem Wald, den wir heute abholzen und verbrennen. Er ist nichts weiter als ein zeitlich um Jahrzehnte versetzter Ausgleich der Schäden, die wir heute verursachen. Quasi so, als würden wir heute einen Auffahrunfall bauen und dem Unfallopfer seinen Schaden dann in dreißig Jahren ersetzen. Am Abholzen von Wald ist leider überhaupt nichts klimaneutral, denn einen neuen Wald könnten wir genauso gut als Ausgleich für verbranntes Erdöl anpflanzen und dann behaupten, das Verbrennen von Erdöl sei „klimaneutral“.

Der einzige Unterschied zwischen dem Verbrennen von Erdöl und dem Verbrennen von Holz (oder vom mir aus auch Biosprit aus Getreide) ist nur, dass durch das Abholzen des Waldes gleich Flächen frei werden, die man dann später wieder bepflanzen kann, während man sich beim Erdöl erst neue Flächen suchen müsste. Wenn man darüber nachdenkt, merkt man, wie absurd und hanebüchen diese Rechnung ist. Das Verfeuern von Holz oder Getreide wird nur deshalb als klimaneutral beworben, weil es kahle Flächen produziert. Das ist so, als würde man den Tod eines Menschen positiv sehen, weil dadurch wieder eine Wohnung für einen anderen Menschen frei wird.

Es gibt allerdings gar keinen Mangel an Flächen, die man mit neuem Wald bepflanzen könnte. In Deutschland vielleicht schon, aber für den Klimawandel ist es egal, wo auf der Welt ein Baum steht und Kohlendioxid schluckt. Statt wertvolle Sauerstoff produzierende Bäume abzuholzen, die dann erst in Jahrzehnten wieder stehen, sollte wir also lieber Erdöl oder Erdgas verbrennen und dann an irgendeinem kahlen Ort der Welt genügend Bäume pflanzen, um das bei der Verbrennung entwichene Kohlendioxid wieder zu binden. Auf jene Weise würde unser Planet zwangsläufig mit jedem Jahr etwas grüner und der Sauerstoffgehalt der Luft würde wieder steigen.

Viele Menschen haben leider eine völlig falsche Vorstellung von „Klimaneutralität“. Sie denken tatsächlich, beim Verbrennen von Holz oder Biosprit würde kein Kohlendioxid freigesetzt. Das ist aber leider ein Irrglaube. Beim Verbrennen des Holzes entweicht all das Kohlendioxid in die Luft, das der Baum in seinem Leben gespeichert hat. Dort trägt dieses Kohlendioxid viele Jahre zur Erderwärmung bei, bis es vielleicht mal wieder von einem Baum aufgenommen wird.

Man kann das im Prinzip mit einem Bankkonto vergleichen. Wenn das Konto leer ist und ich buche nun jeden Tag einen Euro ab, fange aber erst in einem Jahr an, jeden Tag wieder einen Euro einzuzahlen, könnte ich ja sagen, ich würde kostenneutral arbeiten, da jeder Euro ja ein Jahr, nachdem er abgebucht wurde, wieder eingezahlt wird (Wie denken uns im Moment mal, es gäbe keine Strafzinsen). Tatsächlich würden sich mit jenen System aber nach einem Jahr bereits 365 (oder 366) Euro Schulden angehäuft haben und jener Schuldenberg würde nie wieder kleiner, da zwar jeden Tag nun ein Euro hinzukommt, aber gleichzeitig auch ein Euro abgebucht wird. Bei dem Beispiel mit dem Konto leuchtet jedem das Problem ein, aber wenn es um Wald geht, lassen wir uns plötzlich das Märchen von „klimaneutralen Energieträgern“ auftischen.

klimaneutral