Vorwegschicken will ich, dass ich hier niemandem die Benutzung eines Fahrradhelms ausreden will, wenn er sich damit sicherer fühlt. Anhand des Fahrradhelmes kann man aber ein grundsätzliches Problem mit bedingten Wahrscheinlichkeiten erklären, das oft nicht bedacht wird, wenn Menschen begründen, dass Fahren mit Helm sicherer ist als ohne. Um das sicher festzustellen müsste man sehr aufwändige Studien durchführen. Da Fahrradunfälle mit schweren Verletzungen recht selten passieren (ich hatte zum Beispiel noch nie einen) brauchte man schon recht große Vergleichsgruppen von je 5.000 oder besser 10.000 oder noch mehr Personen. Dann müsste man die Anzahl und die Schwere der Verletzungen bei allen im Versuchszeitraum auftretenden Unfällen dokumentieren und könnte dann am Ende vielleicht sagen „Die Gefahr einer schweren Gehirnerschütterung sinkt mit einem Fahrradhelm um 37%“. So eine Studie gab es jedoch bisher nicht.

Was man aber tatsächlich macht, hat einen systematischen Fehler: Man betrachtet Unfälle, die ohne Helm stattgefunden haben und stellt dann fest, dass diese natürlich glimpflicher abgelaufen wären, wenn der Radfahrer einen Helm getragen hätte. Das ist auch unbestreitbar. Natürlich wird ein Kopf beim Aufprall mit Helm weniger verletzt als ohne. Das kann man mit Melonen testen. Leider betrachtet man aber nur die bedingte Wahrscheinlichkeit für eine Verletzung. Die Bedingungen dabei sind, dass ein Unfall bereits stattgefunden hat und der Radfahrer dabei keinen Helm trug. Genau diese Gruppe wäre dann natürlich mit Helm weniger verletzt worden. Völlig außer Acht gelassen werden dabei aber tatsächlich eingetretene Unfälle mit Helm. Bei jedem Unfall mit Helm muss man sich fragen, ob er auch stattgefunden hätte, wenn der Radfahrer keinen Helm getragen hätte. Man könnte denken, dass die Unfallwahrscheinlichkeit unabhängig von einer Entscheidung für oder gegen einen Helm ist. Dem ist aber leider nicht so. Studien haben gezeigt, dass Radfahrer riskanter unterwegs sind, wenn sie einen Helm tragen. Zudem werden sie von anderen Verkehrsteilnehmern als weniger verletzlich wahrgenommen. Das führt dazu, dass Autofahrer einem Radfahrer mit Helm sehr viel näher kommen als einem ohne Helm. Letzteres stellte der britische Verkehrspsychologe Ian Walker 2006 in einem Selbstversuch fest. Er fuhr typische Pendlerstrecken von Radfahrern sowohl mit als auch ohne Helm ab und maß mit einem Ultraschallgerät den Abstand, den Autos zu ihm einhielten. Trug er einen Helm, kamen sie ihm tatsächlich deutlich näher. Beide Effekte zusammen erhöhen die Unfallgefahr für Helmträger möglicherweise so stark, dass dadurch der positive Nutzen des Helmes mehr als wettgemacht wird.

Wenn Sie im Internet nach Studien über die Wirksamkeit von Fahrradhelmen suchen, werden Sie immer wieder genau jenen Fehler entdecken. Spätestens, wenn ein Satz fällt wie „Diese Verletzungen hätten durch das Tragen eines Helmes verhindert werden können“, ist die Studie vollkommen unbrauchbar. Und aus den vielen armen Melonen sollte man lieber essen, statt sie deutschen Schulhöfen zu vernichten, um Schülern zu zeigen, dass ein Helm den Kopf schützt.

Das Prinzip ist ein ähnliches wie bei der Diskussion, ob Menschen in der Öffentlichkeit eine Schusswaffe tragen dürfen sollten. Betrachtet man einen Vorfall, in dem jemand überfallen oder sogar getötet wurde, kann man natürlich sagen, er hätte sich wehren können, wenn er eine Schusswaffe dabei gehabt hätte. Sollte man daraus wirklich ableiten können, dass es in Deutschland sicherer wäre, wenn jeder eine Waffe dabei hätte? Auf den ersten Blick mag der Vergleich hinken, denn mit einem Fahrradhelm kann man jemand Anderen natürlich keinen Schaden zufügen. Wie oben erwähnt wurde, erhöht man mit einem Fahrradhelm aber die Wahrscheinlichkeit, dass Andere einem Schaden hinzufügen.

Völlig nach hinten los geht die Einführung einer Helmpflicht. Sie führt dazu, dass nun auch Menschen, die Helme vollkommen ablehnen, nur noch mit Helm radfahren dürfen. Das veranlasst je nach Region zwischen 20 und 40 Prozent aller Menschen, völlig aufs Radfahren zu verzichten. Dadurch fallen für diese Menschen dann auch die positiven Auswirkungen der Radfahrens auf ihre Gesundheit weg. In der Folge nimmt die Anzahl der Herz-Kreislauf-Erkrankungen – von denen einige auch tödlich enden – in jener Gruppe so stark zu, dass dadurch im Endeffekt mehr Menschen sterben, als durch die Reduktion der Anzahl der tödlichen Fahrradunfälle gerettet werden. Das berechnete der australische Mathematiker Piet de Jong im Jahr 2012.

fahrradhelm